Isel (2019), Österreich

Seit ich viel und regelmässig auf gemässigten Flüssen im eigenen Kajak paddele, sind die Raftingtouren von früher in den Hintergrund gerückt. Jetzt hat mich aber noch mal die Lust auf einen spritzigen Bach gepackt und das Ziel sollte Lienz im österreichischen Osttirol sein.

Isel, Rafting 2019

Erstkontakt und die Sache mit dem Teamsport

Ausgesucht hatte ich mir eine Tour auf der Isel mit dem Anbieter COOLs (dazu gleich mehr). Das Angebot sah überzeugend aus und wirkte preislich im normalen Rahmen. Der Anbieter war über die Website schnell kontaktiert und die Tour gebucht. Nun ist Rafting Teamsport: Einige Anbieter nehmen daher nur Buchungen an, wenn man in der richtigen Gruppengröße reserviert, andere wie dieser hier erlauben auch Buchungen von Einzelpersonen. Dann werden vor Ort Teams gebildet. Ein Raft wird üblicherweise mit 6-8 Personen plus 1-2 Guides besetzt. Kurz vor dem Tourtermin zeigte sich, dass die gewünschte Fahrt nicht genügend Teilnehmer haben würde. Der Kontakt zum Anbieter und das Umbuchen auch einen Alternativtermin einen Tag später waren völlig problemlos. So saßen wir zum Schluss mit 8 Teilnehmern und einem Guide im Boot.

Die Rafting-Station

Der Anbieter nennt sich COOLs, ein Akronym, bei dem natürlich mit der Sportart und vielleicht auch mit der Wassertemperatur gespielt wird, die aber hier für "Center Of Outdoor Lienz" steht. Das ist zwar etwas schräges Englisch, aber was soll es, es ist auch Marketing.

Es handelt sich um den zweiten Standort eines Anbieters aus dem nahegelegenden Mölltal ("CAM, Club Aktiv Mölltal) und wirkte überall nagelneu: Ein neu errichtetes Gebäude am Fluss mit Materiallager im Erdgeschoss, Umkleidebereichen für Damen und Herren, Warmwasserduschen, Toiletten und Büro. Auf einer zweiten Ebene gibt es ein kleines Lokal, nach der Tour können hier auch Bilder angesehen werden. Eine Kletterwand an einer Seite des Dachlokals rundet das ab.

Die Station selbst ist aus Lienz in wenigen Minuten sogar fussläufig gut zu erreichen. Kurz hinter der Talstation der Lienzer Bergbahn führt eine Brücke über die Isel. Hier zweigt ein Weg ab und führt am Ufer entlang. Wenige hundert Meter später ist man an der Station.

Vorher

Bevor es aufs Wasser geht, bedarf es der richtigen Wildwasserausrüstung. Unser Rafting-Gewässer, die Isel, ist ein Gletscherfluss und führt Schmelzwasser. Die Wassertemperaturen bewegen sich zwischen 8 und 10 Grad - nichts, was sich für eine längere Schwimmeinlage eignet. Ausgestattet wurden wir mit Neopren-Long-John und -Jacke, dazu kommen Helm, Schwimmweste und Neoprenschuhe. Alles einmal anprobieren, justieren und schon kann es losgehen.

Mit dem Kleinbus und einem Raft auf dem Hänger hintendran geht es nun Isel-Aufwärts bis in de Ort St. Johann. Dort an der Feuerwehr führt eine kleine Rampe zum Fluss, dies soll auch unser Einstieg sein. Vorher gibt es Einweisung, die man insofern als klassisch bezeichnen kann, weil das immer noch so abläuft, wie bei anderen Touren von vor zehn Jahren beschrieben: Verteilung im Boot. richtige Sitzposition, Paddelhaltung, Paddelbewegung und Kommandos des Guides, Sicherheitshinweise und eine simulierte Bergung. Alles wichtige dabei. Nun wird das Boot schnell die Rampe zum Wasser heruntergetragen und schon geht es los.

Auf dem Fluss

Einsetzen und das Boot dabei gegen die Strömung (vorne liegt in Richtung stromaufwärts) halten, einsteigen, platznehmen und mit dem Boot flussaufwärts aus der Bucht herausfahren und dann um 180 Grad drehen. Los gehts, die Strömung der Isel packt uns und schiebt uns abwärts.

Die Isel ist, wie schon erwähnt, ein Gletscherfluss. Sie wird vorrangig vom Schmelzwasser der Osttiroler Alpen gespeist. Oberhalb von Huben ist sie schweres und schwerstes Wildwasser, danach lassen die Schwierigkeiten langsam nach. Wobei "nachlassend" bedeutet, dass es gleich mit einem Abschnitt im Schwierigkeitsgrad III losgeht. Die Wildwasserskala kennt sechs Schwierigkeitsgrade. Trotz einiger international üblicher Definitionen ist die Einschätzung der Schwierigkeit immer etwas subjektiv und vor allem im Laufe der Zeit veränderlich. Ein Felsabgang, der einen Bach umleitet. Hochwasser, das viel Stein und Geschiebe durch den Fluss spült, verändertes Fliessverhalten bei unterschiedlichen Wasserständen sind da nur ein paar Beispiele. Wildwasser I gilt als "unschwierig" mit grundlegenden Kenntnissen für jeden geübten Paddler befahrbar. Wildwasser III heißt "schwierig", die Stufe IV ist mit "sehr schwierig" häufig die Grenze der kommerziellen Nutzung durch Raftinganbieter. Befahrungen der Stufe V findet man daher hauptsächlich unter Extremsportlern, Wildwasser VI ist die Grenze der Befahrbarkeit.

Als breiter Gletscherfluss beeindruckt die Isel durch die hohe Strömungsgeschwindigkeit und die enorme Wassermenge, die sie abtransportiert. Hier kam noch hinzu, dass die Schneeschmelze in den höheren Lagen so richtig eingesetzt hatte. Am Pegel im Lienz wurde ein Wasserstand von 350cm angezeigt. Das ist genau die Marke, ab der von Hochwasser gesprochen wird. Für den Raftingbetrieb relevant ist jedoch der Pegel an der Einsetzstelle in St. Johann. Der lag bei 275cm. Ab 300cm darf nicht mehr geraftet werden. So bezieht sich der Schwierigkeitsgrad auch auf den aktuellen Wasserstand. In einigen Flussbeschreibungen ist die Einstufung für die hier befahrende Strecke geringer - das trifft dann aber auf niedrigere Wasserstände und weniger Wasserwucht zu. Der hohe Wasserstand war auch der Grund, warum die Tour etwas verkürzt wurde und eine Einsetzstelle gewählt wurde, die kurz (rund 3-4 Kilometer) unterhalb dem üblichen Start der gebuchten Tour "Hohe Welle XL" liegt. Wir hatten unterwegs aber den Eindruck eines perfektes Wasserstand, wenn man sich vor so mancher wuchtigen Wellenattacke nicht erschrecken mag.

Da die Isel hier frei fließen darf und keinerlei Verbauung den Fluss bremst, geht es entsprechend rasant zu. Hohe Wellen stehen ständig mitten im Fluss. Kleine Stufen werden zu dicken Schwällen, Wellenkämme brechen über dem Boot zusammen oder heben es auch mal richtig in die Höhe. Der Tourname "Hohe Welle XL" wurde wegen der Streckenverkürzung vielleicht zu "Hohe Welle L", da aber dann genau die richtige Umschreibung für die wuchtigen Brecher.

Zwischendurch legt die Isel mal eine Verschnaufpause ein. Ruhige Abschnitte, aber immer noch mit beeindruckender Strömungsgeschwindigkeit, erlauben ein (freiwilliges) Bad in der Isel und die Möglichkeit zum Wildwasserschwimmen am Boot. Der zuvor geübte Handgriff, um Mitpaddler wieder ins Boot zu holen, war danach gefragt.

Geübte Wildwasserkajak-Paddler lächeln gerne über das Rafting und tun es als Gummibus-Fahren ab: Man braucht im Prinzip keine Vorkenntnisse, der Guide steuert schließlich und gibt ansonsten Anweisung, wie zu paddeln ist (was mal mehr, mal weniger gut klappt). Der Kajaker hingegen muss jeden Paddelschlag technisch richtig setzen und benötigt viel Training, das Fahrgefühl ist bei formal gleicher Schwierigkeit intensiver. Wer Wildwasser III im Raft bezwungen hat, sollte nicht glauben, dass das auch im Einerkajak klappt, das erfordert sehr viel Training. Wodurch durch sich dann auch die Bezeichnung Gummibus für das Raft - das gefahren werden - erklären läßt. Tatsächlich hätte der Guide alleine kaum eine Chance, das Boot richtig durchs Wildwasser zu bewegen. Er ist auf seine Mitpaddler angewiesen, die als Motor zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Paddelschläge nach seinem Kommando machen, um das massige Raft dorthin zu bewegen, wo er es hinsteuern will. Auch für die reine Vorwärtsbewegung macht eine paddelnde Besetzung im Boot Sinn (anstelle von Leuten, die nur gefahren werden), denn trotz dass die hohe Strömungsgeschwindigkeit irgendwie ein Vorankommen gewährleisten würde, das Boot würde sich nach kürzester Zeit querstellen und dem Wasser den größmöglichen Widerstand entgegensetzen, wenn es nicht aktiv vorwärts bewegt werden würde.

Die Tour neigt sich dem Ende entgegen. Wir erkennen das nahe dem Ausstieg auf einem Berghang stehende Schloss Bruck und der Guide erläutert, was gleich passieren wird: Wir müssen nämlich ein bestimmtes Kehrwasser ansteuern, um unseren "Hafen" zu erreichen. Ein Kehrwasser ist eine Anomalie des Wassers: Hinter einem Hindernis fließt das Wasser tatsächlich ein Stück flussaufwärts, weil es um das Hindernis herumströmt. Somit ist so eine Stelle ideal, um anzuhalten. Meist sind solche Flecken nicht groß. Man muss sie präzise ansteuern. Das Ausstiegskehrwasser hier am Ziel direkt zu den Füssen der Raftingstation ist aus Sicht von Kajakfahrern verdammt groß. Für ein Raft für neun Personen gelten andere Abmessungen und es ist noch einmal treffsicher anzusteuern. Passt. Nach ca. 14 Kilometern und einer Strömungsgeschwindigkeit um ca. 10 km/h heißt es nach knapp 1,5 Stunden: Ziel erreicht.

Danach

Ausrüstung zurückgeben, reinigen, duschen, umziehen und dann noch ein kurzes Abschlusstreffen auf der Terrasse: Die Bilder sind da. Aufgenommen von einem zweiten Guide, der die Fahrt vom Ufer aus begleitet hat, sind einige eindrucksvolle Bilder dabei. Die Bilder vom Fluss hier auf der Seite hingegen sind mit einer Helmkamera von mir während der Fahrt aufgenommen worden.

Nachtrag

Die örtliche Presse berichtete von einem Raftingunfall am Tag zuvor. 200 Meter nach der Einsetzstelle war das Boot mit kompletter Besetzung - Rafter und Guide - gekentert. Einige konnten an Land schwimmen, andere sich auf eine Insel im Fluss retten und mussten dann vom Hubschrauber geborgen werden. Die genauen Gründe waren nicht genannt, aber die Ursache, weswegen der Flussabschnitt oberhalb von St. Johann bei diesem Wasserstand als für Rafts vorübergehend nicht befahrbar eingeschätzt wurde.

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